Sonntag, 7. Juli 2013

Mein Ferienbericht

Der versprochene Ferienbericht....

Auf gehts südwestwärts
Am siebten Mai ging es endlich los, nachdem ich meinen Abreisetermin mehrfach hatte verschieben müssen. Mein Wohnmobil musste neue Radlager bekommen und als das geschehen war, packte ich alles zusammen was ich mitnehmen wollte, verabschiedete mich schweren Herzens von meiner geliebten Frau, unseren Miezen, startete den 4 L Dieselmotor und tuckerte in Richtung Kap Finisterre, dem alten Ende der damals bekannten Welt, an der galizischen Küste Nordspaniens. Vor mir lagen bis dahin ca.2000 km Fahrt, die ich langsam und gemütlich genießen wollte. Normalerweise benötige ich für die Strecke Hannover bis Bilbao maximal zweieinhalb Tage. Dieses Mal war ich fast eine Woche unterwegs, schlief viel und genoß bei gemütlicher Fahrweise mal so richtig die Landschaft und das Gefühl ohne Termindruck unterwegs zu sein

Parkplatz Frankreich..Frühling!!
Die erste Übernachtung war auf einem Rastplatz bei Köln und einen Tag später ging es, mit dem obligatorischen Tankstopp in Luxembourg, auf nach Frankreich. Den ersten Teil der Frankreichfahrt fuhr ich, mit zwei weiter Übernachtungen, bis Troyes auf der mautpflichtigen Autobahn und danach über National- und Landstraßen nach Bourges.
Ab dort ist die Autobahn gebührenfrei. In Limoges verließ ich die Autobahn wieder und dieselte Richtung Bordeaux.
Blick auf den Rastplatz hinter Bordeaux
Hinter Bordeaux steuerte ich einen Rastplatz an, schlief mich aus, bereitete mir ein feines Frühstück und gelangte nachmittags bei einem Freund im spanischen Teil des Baskenlandes an. Ihm hatte ich zwei Flaschen Weißwein, einen Riesling für ihn und einen Gewürztraminer für seine Frau aus Deutschland mitgebracht.

Der erste Blick aufs Meer
Wir beide sind Weinliebhaber und können stundenlang über die verschiedenen Weinsorten, die Reben, den Anbau und die klimatischen Besonderheiten philosophieren, während wir die guten und edlen Tropfen verkosten. Zum Dank, dass ich an ihn gedacht hatte, schenkte er mir drei Flaschen baskischen Wein, aber nicht, ohne mich auf die Besonderheiten der unterschiedlichen Weine aufzuklären.
Den nächsten Tag verbrachte ich zum ersten Mal auf dieser Reise am Atlantik. Es war ein sonniger und warmer Tag und ich bekam das herrliche Gefühl den langen Winter hinter mich gelassen zu haben.
Am nächsten Tag begann es zu regnen, ich verabschiedete mich von meinem Freund und weiter ging es westwärts, entlang der Costa Verde (grüne Küste) Nordspaniens, die diesen Namen wirklich verdient. Vorbei an den „Picos de Europa“, einem bei uns kaum bekannten Bergmassiv, durchquerte ich Cantabrien und Asturien, machte oft Pausen, genoß den Ausblick auf die grünen Wälder, den sanften Hügeln, die hohen Berge, die direkt bis an die Küste der Biskaya reichen. 
Cantabria vom Rastplatz aus

Vor dem Spaziergang

Es regnete und das Meer zeigte seine stürmische Seite.
 Obwohl ich sehr lange am Atlantik gelebt habe fasziniert mich der Ozean in seiner vielfältigen Erscheinung immer wieder aufs neue und nötigt mir Respekt
vor dieser Naturgewalt ab. Jeder Tag ist anders. Die Wellen, die Farbe des Wassers und die Farbe des Lichts.

Küste am Kap
Zwei Tage später war ich am Zielpunkt meiner Reise, dem Kap Finisterre, angelangt. Diesen Ort hatte ich vorher gewählt, weil ich vorhatte an ihm eine symbolische Handlung zu vollbringen, indem ich einige Dokumente dem Feuer übergebe, die ich noch aus meinem „alten“ Leben hatte, damit der atlantischen Wind sie in die Welt hinaus tragen konnte. So gesehen würde mein altes „Ich“ immer einen Teil der Welt sein und nicht verloren gehen.
Ruine der alten Eremitage am Kap Finisterre
Witzigerweise fand ich dort eine Feuerstelle vor, in der noch verbrannte Papierschnipsel lagen, so daß mir der Gedanke kam, daß ich wohl nicht die einzige Person bin, die an diesem denkwürdigen Ort eine derartige Handlung vollbrachte. Das war ein sehr tolles Gefühl, ich war mit meinem Gedanken nicht alleine gewesen und werde es wohl auch niemals sein.

Einen Tag später verließ ich diesen geschichtsträchtigen und denkwürdigen Ort, zu dem ununterbrochen Menschen kamen und gingen, die den „Camino“, also den Jakobsweg, bis Santiago de Compostela, hinter sich gelassen hatten, um am Kap Finisterre einen persönlichen Schlußpunkt ihrer Pilgerreise zu setzen.
Pilgerdenkmal am Kap Finisterre
So gesehen war ja auch ich eine Pilgerin, nur das ich mit dem Auto diese Strecke gefahren war, denn an der nordspanischen Küste entlang verläuft der „Camino Primitivo“, einer der ältesten Wege, auf dem seit Jahrhunderten die Gläubigen oder weniger Gläubigen entlang pilgern.

Es waren auch zahlreiche Urlauber aus ganz Europa, die sich dort aufhielten, die teilweise mit Reisebussen dort ankamen, um die dortige Kirche zu besuchen oder Erinnerungsfotos von sich, am alten „Ende der Welt“ zu machen oder machen zu lassen.
Jedenfalls fühlte ich mich in meinem Vorhaben gestärkt den Camino in den nächsten drei Jahren einmal abzuwandern. Oft kam es vor, daß ich Pilgern oder Pilgerinnen zuwinkte oder sie mir. Wir schauten uns dabei in die Augen und lachten uns an.
Einmal fuhr ich bei strömendem Regen an zwei Pilgern vorbei. Sie waren eingepackt in ihren Regenmänteln, die sie zudem über ihre Rucksäcke gezogen hatten und stemmten sich mit ausdruckslosen Gesichtern gegen den Wind. Ich konnte sie von weitem sehen und als ich kurz hupte und ihnen zuwinkte, verwandelten sich ihre ausdruckslosen Gesichter schlagartig in Lebendigkeit und erntete ich zwei strahlende Lächeln, während sie mir zurück winkten. Ein kraftvoller Augenblick, den ich nicht mehr vergessen werde.

Der gelbe Ginster blüht
An vielen kleinen Buchten vorbei, durch malerische Orte der üppig grünen galizischen Küste, gelangte ich dann irgendwann an einen kleinen Ort, mit einem menschenleeren, sehr langen Strand und beschloss dort einige Tage zu bleiben und mich auf einem Campingplatz einzuquartieren, um mir zu überlegen, wie ich meine schöne Reise weiter gestalten sollte.

Nur einige hundert Meter südlich fand ich einen Campingplatz. Die Frau, die ich dort antraf erklärte mir auf spanisch, dass der Campingplatz zwar offen, aber das Restaurant, das Cafe und der Mercado, also der „Tante Emma Laden“, noch geschlossen waren, weil ja noch Vorsaison war. Als sie wieder ins Haus gegangen war, um die Rezeption für mich zu öffnen, hörte ich hinter mir eine sonore Stimme, die mich auf deutsch willkommen hieß. Die Stimme stellte sich als Wolfgang aus Berlin-West vor, die seit 28 Jahren in Galizien lebt und den Campingplatz aufgebaut hatte. Die Liebe hatte ihn dorthin verschlagen, als er in den achtzigern mit seinen Kumpels auf dem Motorrad unterwegs war und auf die große Liebe seines Lebens getroffen war. 
Der morgendliche Blick aus meinem Fenster
Es war die Dame die mich zuvor begrüßt hatte und deren Name Candita war, die von allen anderen respektvoll Dona Candita genannt wurde. Mit Wolfgang lachte ich in den nächsten Tagen sehr viel und er erzählte mir viele Dinge aus der Region, die ich wohl sonst nicht erfahren hätte. Früher gab es dort noch viele Fischer.
ehemalige Anlegenlegestelle der Fischerboote
Als die Alten dann in Rente gingen wurden keine neuen Fischerei Lizenzen mehr ausgestellt. Ohnehin gibt es dort nichts mehr was man großartig fangen könnte. Deshalb wurden weite Teile der Küste zum Naturschutzgebiet erklärt, damit diese sich erholen kann.

Da weht der frische Wind

Das Wetter war typisch für diese Region im Frühjahr. Sonnig, windig, aber nicht kalt. Wolfgang erzählte mir, dass sie einen Monat vorher 34 Tage lang andauernden Regen gehabt hatten, was mir bekannt war, weil ich fast jeden Tag das galizische Fernsehen anschaue.
Es erhält meine Sprachkenntnisse und hat den großen Vorteil, dass die Menschen dort „Galego“ sprechen, einen Dialekt der nahe an der portugiesischen Sprache ist und den jeder Mensch in Spanien versteht. z.B. das Wort „Heute“. Im spanischen heißt es „hoy“, in portugiesisch „hoje“ und schreibt sich in Galego „hoxe“.

In dem kleinen Ort besuchte ich täglich eines jener typischen Cafes und jedesmal stellte mir der Besitzer einen kleinen Teller mit einer regionalen Spezialität hin, ohne dass ich diese bestellt hatte. Das fand ich unglaublich toll und nachdem ich einige mal bei ihm gewesen war, fragte er mich was ich seinem Dorf tun würde.
Ohne Worte
Als ich ihm sagte, dass ich „Ferias“ (Ferien) mache, fragte er mich was ich damit meinte. Mir wurde wieder einmal bewußt, das es doch einige Unterschiede zwischen der portugiesischen und der spanischen Sprache gab. Ich „übersetzte“ also und erklärte ihm, das „Ferias“ in galego „Vacaciones“ bedeute.
Daraufhin begann in dem Cafe eine sehr lustige und informative Unterhaltung mit ihm und anderen Gästen, die sich gerade dort aufhielten.

Aber es kam der Tag der Abreise. Ich fuhr in einer Tour bis Chaves, einer kleinen hübschen Grenzstadt, die bereits in Portugal liegt.
Ginster soweit das Auge sehen kann
Eigentlich hatte ich vorgehabt dort lediglich einige Gewürze und Kräuter, Wein und Käse zu kaufen, die es nur in Portugal gibt und dann zurück an die Costa Verde zu fahren, um noch einige Tage im Baskenland zu verbringen, aber ein Anruf bei einem Bekannten veranlasste mich dann doch dazu, meinen ursprünglichen Plan zu ändern und anstatt nordostwärts ins Baskenland zu fahren, ging es südostwärts durch die faszinierende Berglandschaft Nordportugals, bis hinein in den nördlichen Alentejo, der mich schon immer mit seinen sanften Hügeln und dem eigentümlichen Licht angezogen hat.
Die Menschen dort sind ein eigenes Volk, mit einer eigenen Tradition und vollkommen anders als die Leute aus den anderen Landesteilen.

Erschöpft, krank und gerettet
Ich konnte ja nicht ahnen, dass die Entscheidung zu meinem Bekannten hinzufahren sehr folgenschwer sein würde, denn kurz vor seinem Heimatort Sessimbra, an der Atlantikküste, sah ich auf dem Parkplatz eines Supermarktes einen kleinen zerbissenen, mehr als halbverhungerten „Abandonado“ einen ausgesetzten Hund, der mich traurig ansah, während er um mein Auto herum streunte und sich andauernd kratzte, in der Hoffnung etwas von meinem Brot abzubekommen, dass ich gerade aß.
Einen Teller Milch, den ich ihm hinstellte, beschnupperte er zwar, rührte ihn aber nicht an. Daraus konnte ich ersehen, dass er Milch wohl noch nie bekommen hatte. Also ein Straßenhund. Erst als ich ein Stück Schinken hineinlegte, begann er diese aufzunehmen.
wach geworden, schüchtern und erstaunt
Ich konnte ihn dann näher betrachten und ihn auch berühren. In seinen Ohren steckten Zecken, zahlreiche, entzündete Bisswunden bedeckten seinen Körper und aufgekratzte Hautstellen, die er sich zugezogen hatte, um der Pein zu entgehen, die ihm diverse Parasiten zufügten.Kurzerhand packte ich ihn und hob ihn in mein Auto.

in den Pool fiel der Kleine, u.r.
Mein Gewissen hätte es niemals zugelassen ihn alleine zurück zu lassen. Mit Sicherheit wäre er wohl jetzt nicht mehr am Leben. Am nächsten Tag suchte ich mit ihm eine Tierarztpraxis auf, zu der mich mein Bekannter hinfuhr. 1 ½ Stunden und 200 € später hatte er einen Impfpass und so seine Identität. Den Abend vorher hatten meine Bekannten und ich überlegt, wie wir ihn nennen sollten und da ich ihn in Cotovia gefunden hatte, beschloss ich ihn „Cotto“ zu nennen.
Jetzt lebt er bei uns, hat sich prächtig entwickelt und rockt bei uns das Haus. Zu unseren, mittlerweile drei Katzen, weil Nachbars Mietze Minka inzwischen bei uns eingezogen ist, ist Cotto sehr liebevoll. Chefkatze Miss Püppi hatte ihm gleich eine gezogen, als er ihr zu nahe kam, was ihr Respekt einbrachte und Sienna, die wir vor zwei Jahren als fast tote Babymietze aus Spanien mitgebracht haben, begrüßt ihn Nase an Nase, wenn sie sich begegnen.
Er ist ein witziges Kerlchen, etwas über ein Jahr alt und sehr liebesbedürftig. Aber mit Macken und muss noch sehr viel lernen. Das ist ja auch kein Wunder, musste er doch jeden Tag um sein Überleben kämpfen, hatte sich von Abfall ernährt und war auf sich alleine gestellt. Jetzt ist er in Sicherheit und manchmal kommen mir die Tränen wenn ich daran denke wie er ausgesehen hat, als ich ihn zum erstenmal sah.
auch er sucht ein neues Zuhause
Vier Tage später begann meine Rückreise. Vorher besuchten meineBekannten und ich jedoch ein Tierheim und gingen mit einigen Hunden spazieren.
Westwärts fuhr ich über Evora, im südlichen Alentejo, bis zur spanischen Grenzstadt Badajoz und fuhr daraufhin nordostwärts durch die spanische Estremadura, mit der mich eine schicksalhafte Zeit verbindet und an die ich mich nur mit großer Wehmut erinnere. Vor 13 Jahren verstarb dort in Plasencia mein junger Kangalrüde Tristan, an den Folgen einer Krankheit im Alter von nur sieben Monaten. Immer wenn ich dort vorbeikomme schießen mir die Tränen in die Augen....
Die Landschaft der Estremadura besitzt ebenso eine sehr eigentümliche Schönheit. Als ich noch auf der iberischen Halbinsel lebte war ich oft durch sie hindurch gefahren. „Estremadura“ heißt übersetzt, „extrem hart“.
Im Sommer ist es dort sehr heiß und im Winter kann es sehr kalt werden. Auf den Bergipfeln der nördlichen Estremadura, kurz vor Salamanca konnte ich sogar noch Schneefelder sehen.
Nach zwei Tagen erreichte ich wieder die Costa Verde, nachdem ich von Süden her die „Picos“ durchquert hatte.
in den Picos auf 1.800 m Höhe. Dort ist es einsam
Nördlich der Berge war es immer noch regnerisch und ich beschloss die Heimreise anzutreten. Cotto sollte auch in seinem neuen Zuhause ankommen und so fuhr ich ohne Hetze, aber doch etwas zügiger wieder Richtung Frankreich, nicht ohne vorher noch einmal in einem Supermarkt einzukehren, um viele leckere Ding einzukaufen, die es hier bei uns nicht gibt. Das gleiche hatte ich bereits in Portugal getan und ist Pflicht, wenn ich mich dort aufhalte. Das portugiesische Olivenöl, sowie der portugiesische Rotwein sind unübertrefflich, genauso wie in Spanien die Salami „Fuet“ genannt, der Brandy und der spanische Käse. Hinzu kommen noch die Oliven, die in Portugal „Azeitonas“ genannt werden. Achja, fast hätte ich das wichtigste vergessen, den Espresso Kaffee. Ohne diese schönen und leckeren Sachen wird niemals die Heimreise angetreten.

Von Limoges fuhr ich dann in einer Strecke fast bis Köln, weil es nur regnete. Eigentlich schade, aber mit dem kleinen Cotto durch den Regen zu latschen macht echt keinen Spaß, zumal er wasserscheuer ist als jede Katze im bekannten Universum. Ich wollte auch wieder nach Hause. Wenn man so viele Jahre mit dem Wohnmobil unterwegs ist, wie ich es getan habe, freut man sich immer wieder, wenn man zuhause angekommen ist. Ich liebe die Unabhängigkeit, die Freiheit der Straße, die Begegnungen mit anderen Ländern, Sitten und Leuten, aber wenn ich daheim bin, stelle ich immer wieder fest, Deutschland ist ein wunderschönes Land. Es ist meine Heimat und wer so lange in anderen Ländern gelebt hat wie meine Wenigkeit, der weiß was ich meine.

22 Jahre alt, 200.000 km und läuft super
Am 08.06 war ich, nach fast 7000 km Fahrt, wieder zuhause und saß mit meinen Lieben abends im Garten. Cotto hielt uns lange wach. Wir tranken zwei Flaschen des köstlichen Rotweins aus dem Alentejo, aßen spanische und portugiesische Oliven, französisches Baguette, und eine gemischte Käseplatte mit spanischen, portugiesischen und französischen Käsesorten...que bom...que bueno..vola!

Europa hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Gleichförmigkeit hat überall Einzug gehalten.
Aldi, Lidl, Hotelketten, McSowieso usw.... Die Straßen sind besser geworden und man muss sich mit der neuesten Maudtechnik herumärgern, die kostspielig ist und nicht funktioniert. Von letzterem möchte ich nicht berichten. Es hat wirklich mitunter genervt.

Um aber das alte, einzigartige und wunderbare zu entdecken muss man die großen Hauptstraßen verlassen und sich von den kleinen Landstraßen führen lassen. Dort und nur dort riecht, schmeckt, sieht und hört man das, was uns „Nordlichter“ schon immer fasziniert hat. Eine andere, archaische Kultur, die in den üblichen Touristenorten nicht zu finden ist und wenn sich Reisende etwas bemühen einige Worte Landessprache zu erlernen, wozu wirklich nicht viel gehört, eröffnen sich ganz andere, wunderbare Dinge und Möglichkeiten. Die wenigen, wichtigen Worte, die sich jeder Mensch merken kann sind: Guten Tag, Guten Abend, Gute Nacht, und ganz wichtig: Dankeschön und Bitte!!!
Damit zeigt man Respekt, egal wo man sich auf diesem Planeten befindet. So meine Erfahrung. Außerdem macht es Spaß und wird immer belohnt ;-)

Im September fahre ich wieder in den Süden. Muss ich wohl auch, denn bis dahin sind meine mitgebrachten Vorräte wohl aufgebraucht. Aber dann fahre ich nicht in Urlaub, sondern um zu arbeiten. Es wird wohl meine letzte Tournee sein, denke ich, aber wer weiß, wer weiß.....



Mittwoch, 6. März 2013

Meine Korrektur OP war vor einem Monat und ist gut verlaufen.Nach einer Woche war ich wieder zuhause. Die Fäden nerven zwar noch, aber ich bin seit dem dritten Tag nach der OP praktisch schmerzfrei und kann mich gut bewegen.

Der Aufenthalt in der Klinik war sehr entspannend, zumal einige andere Frauen dort lagen, die ebenfalls von Dr. Pottek operiert wurden. Es war ein fast ständiges hin und her auf den Zimmern und etwas worüber wir lachen und plaudern konnten gab es immer.

Meine Transition betrachte ich in jeder Hinsicht als abgeschlossen. Mein Vorname, den ich seit fast zwanzig Jahren benutze ist seit Oktober legal eingetragen und in meiner Geburtsurkunde steht, dass ich als Mädchen auf die Welt kam.
In meiner Familie weiß jetzt jeder das ich mich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen habe. Das schöne daran ist, dass meine Befürchtung, dass sie sich von mir abwenden könnte, nicht bestätigt hatte. Davor hatte ich am meisten Angst und bin froh, dass dem nicht so ist.

Sehr wahrscheinlich werde ich mich noch einmal einer Korrektur OP unterziehen, Jedoch nicht mehr in diesem Jahr. Erst sollen alle Schwellungen abgeklungen sein und mein Körper soll sich von den Eingriffen erholen.
Nächste Woche bin ich noch einmal in Hamburg, damit die Fäden gezogen werden sollen. Eigentlich sollten die sich ja von alleine auflösen, aber das tun sie nicht. Also ab nach Hamburg auf den Stuhl und alles nachsehen lassen. Selbstverständlich werde ich auch auf die Station 22 gehen, das Pflegepersonal besuchen und mich erkundigen, ob eine Bekannte dort liegt.

Im April fahre ich erst mal für einige Zeit in den Urlaub. Die letzten beiden Jahre sind so schnell vorüber gegangen, die Entwicklung war so rasant und tiefgreifend, daß ich mich für einige Zeit zurück ziehen muß.
Es soll ein Wanderurlaub werden, bei dem ich meinen Körper wieder ertüchtigen und mein altes Gewicht wieder erlangen möchte.

Es wird wohl so sein, dass ich mich aus dem Urlaub melde und hoffentlich ein paar so schöne Fotos aufnehmen kann, dass es sich lohnt sie hier reinzustellen.
Bis dahin liebe Grüße, Petra

Mittwoch, 26. Dezember 2012

in-der-Zielgeraden-meines-Weges

Eigentlich wollte ich niemals etwas über mich, meine Wünsche, Gefühle und Gedanken im Internet darstellen, aber habe mich nun entschieden doch etwas davon an andere weiter zu geben.
Ich bin eine transgeschlechtliche (transsexuelle) Person; geboren in einem männlichen Körper und mit dem Wesen einer Frau.  
Warum das so ist kann ich nicht sagen, betrachte mich jedoch als eine Laune der Natur, die dadurch wieder einmal beweist, daß nichts im Universum einfach nur schwarz-weiß, sondern alles bunt und vielfältig ist.
Jetzt bin ich in der letzten Phase meiner Transition und möchte das andere Menschen daran teilhaben.
Der Grund dafür ist, daß ich damit betroffenen Personen Mut machen möchte ihren eigenen Weg zu beschreiten und ihn bis zuende zu gehen. 
Ein gültiges Rezept gibt es dafür natürlich nicht, weil jeder Mensch anders ist und in einem anderen Umfeld lebt.

Jedoch Angst zu haben oder Befürchtungen zu leben machen da keinen Sinn. Das transsexuelle Menschen existieren ist ein natürlicher Bestandteil unseres Lebens. Deshalb verfügen wir auch über das Recht so zu sein wie wir sind und das auch öffentlich zu leben. Das Transsexuellen Gesetz (TSG) bietet uns dazu den geschützten Raum. Also gibt nichts was uns das verwehren darf.

Aus Gesprächen mit anderen transidenten Menschen weiß ich, daß es immer wieder Schnittmengen in den Lebensläufen gibt. Vielleicht kann ich hiermit einen kleinen Beitrag leisten, damit Leser und Leserinnen sehen können, daß sie mit ihren Problemen nicht alleine sind und es Lösungen gibt. 
Denn ein bischen was geht immer :-)

Ich werde von Zeit zu Zeit immer wieder beschreiben wie ich meinem Ziel, legal und offiziell als Frau zu leben, näher komme und wie ich mich dabei fühle. 
Seit letztem Jahr bin ich in der begleitenden Psycho- und Hormontherapie. Ich darf sagen, daß ich mich sehr wohl fühle und es mir ausgezeichnet geht. 
Seitdem ich Hormone nehme ist in mir eine Friedlichkeit entstanden, die nur sehr schwer zu beschreiben ist.

Im Alltag lebe ich bereits seit vielen Jahren als Frau. Probleme hatte und habe ich deshalb noch nie bekommen. Ganz im Gegenteil, egal wo ich mich befinde sind die Menschen sehr zuvorkommend und freundlich zu mir. 
Was ich niemals mache ist der Versuch mich zu erklären, aber wenn Fragen an mich gerichtet werden, die meine Transgeschlechtlichkeit betreffen, gebe ich gerne und offen Antwort. Bisher traf ich dabei immer auf Verständnis und Offenheit.
Die geschlechtsangleichende Operation ist und war der Endpunkt "meines Weges", dem ein langer Entwicklungsprozess voraus gegangen war.


Doch zunächst erstmal eins nach dem anderen... 

Die Vorbereitung: 
- 2010 -

Im September 2010 ließ ich bei mir eine erste medizinische Untersuchung vornehmen, die feststellen sollte, dass sich eine Hormontherapie (HRT) und eine Geschlechts angleichende Operation (GAOP) problemlos bei mir durchführen ließ.
Das Untersuchungsergebnis ergab, dass ich keine gesundheitlichen Probleme hatte und so konnte ich den nächsten Schritt angehen, indem ich mir eine geeignete psychologische Begleitung suchte, wie es das Transsexuellengesetz (TSG) vorschreibt.

Das war nicht so einfach, denn es gibt nicht sehr viele, erfahrene Psychologen und Psychiater, die sich mit transgeschlechtlichen Menschen auskennen. Hinzu kommt noch, dass die meisten auf Monate hinaus ausgebucht sind und/ oder kein Interesse haben sich damit zu befassen.
Bei einigen entschied ich mich „nein“ zu sagen, weil sie Dinge sagten, die ich nicht akzeptieren konnte oder wollte. Nach vielen Telefonaten mit verschiedenen Psychotherapeuten/ innen gab mir eine Psychologin, gegen Ende des Jahres 2010, den Hinweis mich doch einmal an Frau Andrea Ickert, einer Kollegin aus Braunschweig zu wenden.

Schon am Telefon merkte ich, dass ich einen Draht zu ihr bekam, betrachtete meine Suche als beendet und bat um einen Termin für ein Erstgespräch bei ihr. Sie konnte mir jedoch keinen Termin vor Mai anbieten, aber ich kam auf die Warteliste, was beinhaltete, dass ich vorgeschoben werden konnte, falls vorher ein Termin frei wurde. 

- 2011 -

Ende März 2011 kam dann der Anruf und Mitte April trafen wir uns zum ersten mal. Wir führten ein sehr offenes und vertrauensvolles Gespräch, in dem nicht nur über mich erzählte, sondern sie auch über sich. Wir gaben uns 24 Stunden Bedenkzeit, um in Ruhe überlegen zu können, ob wir die psychologische Begleitung gemeinsam durchführen wollten, denn es ist ja so, dass die Chemie zwischen Psychotherapeuten und Patienten stimmen muss, damit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. Ohne dem gibt es keine Offenheit. 

Beginn der psychotherapeutischen Begleitung:
Am nächsten Tag rief ich in ihrer Praxis an. Meine Entscheidung war positiv ausgefallen und ich fragte nach, wie sie darüber dachte. Sie dachte genauso wie ich und wir vereinbarten einen erneuten Termin. Zwei Wochen später trafen wir uns wieder und damit hatte mein Angleichungsprozess offiziell begonnen.
Wir trafen uns bis Anfang Juli zweimal im Monat, redeten über meine Vorgeschichte, ich füllte eine Reihe von Fragebögen aus und wir lachten oft herzlich miteinander.

Frau Ickert hat seit dreißig Jahren Erfahrung mit transidenten Menschen und kennt unsere Nöte und Sehnsüchte. Ihre Fragen waren sehr persönlich und gingen unglaublich in die Tiefe.
Im Juli erstellte sie ihre Diagnose, F64.0 (Transsexualismus) und gab mir die wichtige Freigabe für die Hormontherapie (HRT).

Beginn der endokrinologischen Begleitung:
Nun begann die Suche nach einer geeigneten endokrinologischen Begleitung, welche die Besonderheiten einer M>F Hormontherapie kannte.
Nach vielen Telefonaten bekam ich Kontakt mit Frau Dr. Sabine Wöhle in Braunschweig, die mir gleich einen Termin für ein Beratungsgespräch gab. Das Gespräch dauerte über eine Stunde, in dem sie sich überzeugte, dass ich es ernst meinte und sie mich auf die Risiken und Folgen der HRT hinwies.
Das war gegen Ende Juli 2011. Danach ging es erstmal in den Urlaub.
Ich hatte beschlossen die HRT erst danach zu beginnen, weil ich nicht wußte ob ich die hormonelle Umstellung ohne Probleme ertrage. Das diese Entscheidung richtig war bestätigte sich später.

Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte ließ ich mir Blut abnehmen, damit es in einem Labor untersucht werden konnte, um meine zweite Hormonstatusbestimmung durchführen zu lassen. Diese Blutuntersuchung wurde von da an jeden Monat durchgeführt, um den Verlauf der Hormontherapie dokumentieren zu können und um meine Blutwerte zu kontrollieren .

Am 15.09. 2011 kam der denkwürdige Augenblick, an dem ich zum ersten mal die Tabletten ein. Mir war klar das sich mein Leben von da an sehr verändern würde und es kein zurück mehr geben konnte. Die hormonelle Substitution werde ich für den Rest meines Lebens weiter durchführen müssen. Meine Tagesdosis waren 2 mg Estrifam (Östrogen) und 10 mg den Testosteronblocker Androcur.

Nach ca. drei Wochen begann ich die Wirkung zu spüren. Meine Brust begann zu schmerzen und wurde sehr empfindlich. Die Brustwarzen vergrößerten sich und juckten. Meine Libido verschwand langsam, d.h. ich bekam keine Erektion mehr.
Das schönste jedoch war, dass in mir eine so wunderbare Friedlichkeit entstand, wie ich sie niemals zuvor verspürt hatte. Ich wurde viel ruhiger und nahm die Dinge gelassener.

Im Oktober ergab erneute Blutuntersuchung das sich meine CT-Leberwerte drastisch erhöht hatten. Daraufhin setzte Frau Dr. Wöhle den Testosteronblocker Androcur erst einmal ab und ich nahm nur die Östrogene. Einen Monat später hatten sich meine Leberwerte jedoch wieder erholt, aber anstatt 10 mg Androcur nahm ich nur noch die Hälfte, also 5 mg, davon ein.

Mit der Zeit wurde ich, als Folge der hormonellen Umstellung emotional sehr viel empfindlicher und unterlag Stimmungsschwankungen die ich vorher noch nie hatte. Die Tränen stiegen mir sehr schnell in die Augen, wenn irgend etwas außergewöhnliches geschah oder mich eine Situation emotional sehr berührte. Zudem traten urplötzlich Depressionen auf, mit denen ich fertig werden musste. Darauf war ich von meiner Psychologin und Frau Dr. Wöhle vorbereitet worden und ich lernte damit umzugehen. Aber es war echt nicht einfach. Hinzu kam auch noch, dass mein Umfeld mich in meiner zweiten Pubertät ertragen musste...ojeoje........

 - 2012 -

Ab Februar 2012 erhöhten wie die Östrogendosis auf 4 mg täglich, denn mein körperlicher Zustand hatte sich stabilisiert. Inzwischen hatte ein weibliches Brustwachstum eingesetzt, mein Haupthaar hatte sich verdichtet und meine Haut war feinporiger geworden. Die Körperhaare wurden dagegen dünner und ich hatte an Körpergewicht zugenommen.

Im März 2012 beantragte ich meine Vornamen- und Personenstandsänderung beim Amtsgericht in Frankenthal, das als einziges in Rheinland Pfalz für die Entscheidung über die Personenstands- und Vornamensänderung zuständig ist. Dazu benötigte das Gericht einen Lebenslauf von mir, der meine transidente Entwicklung beschrieb, eine aktuelle Meldebescheinigung über meinen Wohnort und 1000,- € Vorkostenzuschuss. Ich hätte auch Prozesskostenhilfe beantragen können, wollte es aber nicht tun, weil es meinen Transitionsprozess verlangsamt hätte. Außerdem glaube ich nicht, das ich aufgrund meines Einkommens überhaupt etwas bekommen hätte.

Viele Betroffene hatten mir von ihren Schwierigkeiten erzählt, die sie hatten. Aber ich wurde total überrascht. Hilfsbereitschaft und Unterstützung, wohin ich auch ging, kam und blickte. Egal ob Psychologen, Gutachter, die Menschen bei Gericht oder die Krankenkasse, alle waren voll bei der Sache. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass ich sinngemäß jeder Person sagte: „Ich bin transgeschlechtlich und brauche jetzt Ihre Hilfe und Unterstützung, weil.....“

Das Amtsgericht hatte die von mir vorgeschlagenen Gutachter akzeptiert und Anfang Juli hatte ich den ersten Termin bei Dr. Seikowski in Leipzig. Ich hatte ihn gebeten mir eine Kopie seines Gutachtens so schnell wie möglich zu schicken, damit ich mein Zeitfenster einhalten kann, dass besagte, dass ich bis Ende 2012 mit allem durch sein wollte.
Bereits nach vier Tagen hatte ich es im Postkasten.

Bei meinem zweiten Gutachtertermin, der eine Woche später in Lüneburg bei Prof. Dr. Vogel war, verhielt es sich fast genauso. Bei ihm saß ich etwas länger auf dem Stuhl als bei Dr. Seikowski, aber nach einigen Tagen hatte ich, zeitgleich mit den Kopien vom Amtsgericht, sein Gutachten ebenfalls in der Hand.

Beide Gutachten waren inhaltlich gleich. Einziger Unterschied, das Gutachten von Dr. Seikowski war ein psychologisches und das von Prof. Vogel ein psychiatrisches. Ein Unterschied, der sich später bezahlt machen sollte, als der MDK anstatt eines psychologischen, ein psychiatrisches Gutachten verlangte.

Anfang Juli 2012 stellte ich bei meiner Krankenkasse, der AOK, den Antrag auf Kostenübernahme für meine geschlechtsangleichende Operation, kurz GAOP genannt.
Die Krankenkasse schrieb mit daraufhin welche Unterlagen sie brauchte, um meinen Antrag beim medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) vorzulegen, der letztendlich entschied, ob die Operation bezahlt wurde oder nicht. Ich hatte alle Unterlagen beisammen und sendete sie dorthin. Nun galt es nur noch abzuwarten.

Durch Inka und ihrem Blog wurde ich auf das Westklinikum in Hamburg und Dr. Tobias Pottek aufmerksam gemacht. Sie hatte sich dort operieren lassen und in ihrem Blog sehr anschaulich seine OP-Methode, sowie die Klinik beschrieben. Das hatte mir gefallen.
Also machte ich für Anfang August einen Termin mit Dr. Pottek aus und fuhr mit meiner Frau dorthin. Ich war zum ersten mal richtig aufgeregt, denn wie alle anderen Beteiligten in einem Angleichungsprozess, mußte auch er mich anerkennen und annehmen.

Als ich vor ihm saß verflog meine Aufregung aber sofort. Dr. Pottek ist nicht nur ein hervorragender Chirurg, sondern ebenso ein sehr beeindruckender Mensch. Sein offenes und verständnisvolles Wesen, sowie seine Ansichten über „transgeschlechtliche“ Menschen, wie er sie nennt, zeigten mir, dass vor mir ein Mann saß, der mit vollem Herzen bei der Sache ist.

Mein Vertrauen zu ihm war sehr schnell hergestellt, denn ich hatte nicht den Eindruck, daß er mich nicht nur als potentielle Patientin, sondern als Mensch ansah, der seine Hilfe benötigte.
Die Klinik und ich vereinbarten einen optionalen Operationstermin für den 08.10.2012, obwohl die Kostenübernahme durch die Krankenkasse noch nicht auf dem Tisch lag.
Auch eine Besonderheit, weil andere Kliniken erst dann einen Termin geben, wenn die Kostenübernahme der Kasse vorliegt.

In der ersten Septemberwoche erhielt ich einen Brief des MDK, der mich zunächst erschütterte. Die Ärztin des MDK erkannte das psychologische Gutachten von Dr. Seikowski nicht an, dass ich zu den Unterlagen beigefügt hatte, die ich an die Krankenkasse geschickt hatte. Ebenso den Verlaufsbericht meiner Endokrinologin und die Diagnose meiner Psychologin, die ihr nicht ausführlich genug war. Von ihr wollte sie obendrein auch noch wissen ob ich suizitgefährdet bin und in welchen sozialen Verhältnissen ich lebe.

Das brachte mich auf die Palme, weil ich alle geforderten Unterlagen bereits eingereicht und wiederholt nachgefragt hatte, ob das wirklich alles sei, was für den MDK nötig sei

Also rief ich gleich bei der AOK an, beschwerte mich und führte ein sehr langes, intensives Gespräch mit einem Mitarbeiter der AOK, der mir versprach sich umgehend mit dem MDK in Verbindung zu setzen.

Ich selbst ließ mir einen neuen, kompletten Verlaufsbericht der HRT, eine neue, detaillierte Diagnosebescheinigung ausstellen und fügte nun das psychiatrische Gutachten von Prof. Dr. Vogel bei.
Das alles schickte ich an den Mitarbeiter der Krankenkasse und schrieb einen sehr aussagekräftigen Brief an die Ärztin des MDK, in dem ich ihr Gutachten scharf kritisierte und ihr klar machte, dass ich mir das nicht gefallen lasse und notfalls vor Gericht gehe, sollte mein Operationstermin platzen, weil alle Unterlagen, die sie erhalten hatte, stimmig waren und die Kostenübernahme meiner GA-OP rechtfertigten.

Hinzu kam noch, dass ich am 18. September 2012 meine Anhörung bei Gericht hatte, in der die Richterin den Beschluss gefasst hatte meinem Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderung zu folgen. Ich war also legal und offiziell bereits eine Frau. Es musste nur noch die gesetzliche Frist eingehalten werden, damit das Urteil rechtskräftig wurde. Auch das erwähnte ich in meinem Brief an den MDK.

Gleichzeitig machte der Mitarbeiter der AOK einen ziemlichen Druck, weil ihm klar war, dass es für die Kasse sehr teuer werden konnte, würde mein OP-Termin nicht eingehalten werden. Als selbstständige Unternehmerin konnte ich praktisch keine Aufträge mehr annehmen, weil ich ja nicht wußte, wann ich einen neuen OP-Termin bei Dr. Pottek bekomme und das Urteil der dann anstehenden Klage gegen die Krankenkasse abwarten musste, welches mit Sicherheit positiv für mich gewesen sein würde.

Am 25 September 2012 erhielt ich den Anruf des Mitarbeiters der AOK, der es sich nicht nehmen lassen wollte mich persönlich und vorab darüber zu informieren, dass der MDK entschieden hatte, meinem Antrag auf Kostenübernahme zuzustimmen.
Mir fiel ein echter Stein vom Herzen....

Im Krankenhaus:

Am 07.10. 2012 begab ich mich in das Westklinikum in Hamburg, wurde von Dr. Pottek untersucht und bereitete mich mental auf die anstehende Operation vor. Es war geschafft!!
Die Aufregung der letzten Wochen war verschwunden.
Eigentlich hatte ich vorher immer gedacht, dass ich in der Nacht vor der OP kaum schlafen würde. Aber das Gegenteil war der Fall, denn ich schlief sehr ruhig und ich erwachte morgens frisch und ausgeruht. Auf meine scherzhafte Frage, was es zum Frühstück gäbe erhielt ich ein freundlichen Lächeln, einen Tee und eine Flasche Mineralwasser.

Bei der Voruntersuchung hatte ich darum gebeten mich vor der Operation nicht mit schweren Medikamenten flachzulegen, weil ich bei einer vorhergegangenen Leistenbruch OP die Erfahrung gemacht hatte, dass es mir nicht gut bekam. Demzufolge erhielt ich eine halbe Stunde, bevor ich in den OP geschoben wurde, eine sogenannte „Scheißegal-Pille“, also ein leichtes Medikament, welches mich lediglich gelassener werden lassen sollte.

Naja, ob die mich auch wirklich gelassener machte, dass weiß ich echt nicht, aber während ich anästhesistisch auf das kommende vorbereitet wurde, plauderten die Anästhesistin, der Anästhesiepfleger und ich in einer lockeren Atmosphäre über alles mögliche. Ich bekam einen Schmerzkatheter und die Zugänge gelegt. Als das erledigt war, legte ich mich auf eine Bahre und bat die Ärztin mir Bescheid zu sagen, wenn sie die Narkose einleitete, damit ich mich mental fallen lassen konnte. Ich wollte alles bewusst wahr- und aufnehmen, solange ich es konnte. Sie sagte Bescheid, über mein Gesicht hielt der Pfleger eine Atemmaske und nach einigen Sekunden ich fühlte ein kribbeln in der Nase.

Moment!“ sagte ich und kratzte mir erstmal mit dem Finger in den Nasenlöchern. „Okay“ sagte ich und dann merke ich bereits das Narkosemittel. Bevor es endgültig wirkte sagte ich noch „Tschüss“ und das nächste was ich dann sah waren die lachenden Augen der Narkoseärztin, die mir sagte das die Operation vorbei sei und alles gut verlaufen war.

Wie, alles bereits vorbei?“ sagte ich und schaute mich im Operationssaal um. Dort standen mehrere Personen, Tücher vor dem Mund, die mich mit lachenden Augen liebevoll ansahen, in denen ich zudem Freude und Stolz erkennen konnte.

Mein Blick blieb an einer Person haften, die direkt rechts neben mir stand. „Doktor Pottek?“ fragte ich und als er mir zunickte bat ich ihn zu mir zu kommen. Als er bei mir war, legte ich ihm meinen rechten Arm um den Nacken zog ihn zu mir herunter und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Dankeschön“ sagte ich noch zu ihm, bevor man mich in den Aufwachraum schob.

Die folgenden Minuten werden mir immer im Gedächtnis bleiben, so fürsorglich kümmerte sich eine Krankenschwester um mich. Leider habe ich ihren Namen vergessen.

Der Anästhesiepfleger kam noch einmal zu mir und wünschte mir für mein „neues“ Leben alles Gute. Ich wußte definitiv, dass mit nichts mehr passieren konnte. Menno, war das schön!

Zurück auf meinem Zimmer, ich lag dort alleine, schlief ich erstmal ein paar Stunden.
Die erste Nacht nach der Operation war ziemlich hart. Trotz Schmerzkatheter hatte ich kolossale Rückenschmerzen, die wie sich später heraus stellte, von der kaputten Mechanik des Bettes hervor gerufen wurden, weil es unmöglich eingestellt war und sich nicht mehr bewegen ließ. Dadurch lag ich in einer unmöglichen Position. Das wurde am nächsten Tag behoben, indem ich in das zweite, leere Bett meinem Zimmer umsiedelte. Was für eine Wohltat! Die Rückenschmerzen waren Vergangenheit.
Ich hatte einen Fernseher auf dem Zimmer, Internetanschluss, Telefon und einige Bücher. Langeweile kam nie auf.

Dr. Pottek erschien in regelmäßigen Abständen und erkundigte sich nach meinem Befinden. Genauso seine Kollegen und Kolleginnen im Westklinikum Hamburg, die sich jederzeit feinfühlig, professionell, um die Belange ihrer Patienten und Patientinnen kümmern. Diese Visiten waren immer etwas besonderes für mich, denn neben der medizinischen Ernsthaftigkeit, mit der vorgegangen wurde, war es immer fröhlich und heiter zugegangen.
Zum Lachen ging dort niemand in den Keller, ganz im Gegenteil. In der urologischen Abteilung der Klinik erschallte bereits frühmorgens fröhliches Lachen, daß einem Grübchen in die Wangen zauberte. Das gesamte Personal war hilfsbereit und jederzeit für einen da.

Ich spürte bei mir abermals eine erneute, gefühlsmäßige Veränderung. Meine Kindheit, meine Jugend, ja mein ganzes Leben zog in meinen Gedanken vorbei. Es begann ein anderer, unbewusster Prozess. Ich begann den Menschen zu verzeihen, die mir viele der Dinge angetan hatten, die mir während meiner Kindheit große seelische und körperliche Schmerzen bereiteten. Für mich ein unglaublich wichtiger Schritt, denn ich wollte endlich mit den Dingen abschließen, die mir mein Seelenleben oft so schwer gemacht hatten. Dabei kamen mir häufig die Tränen. Oft waren es auch einfach Tränen des Glücks, denn ich war glücklich, sehr glücklich sogar.
Als ich mich das erste mal nackt im Spiegel sah dachte ich nur: „So ist es endlich richtig.“ und spürte einen Frieden in mir, der bis heute anhält. Ich bin bei mir...........

Nach der Entlassung aus der Klinik:

Am 11.11.2012, nach 34 Tagen, wurde ich aus der Klinik entlassen. Normal bewegen und lange herumlaufen ging noch lange nicht, denn der Heilungsprozess nach so einer schweren Operation kann ziemlich lange dauern.

Aber ich konnte zumindest den verwaltungstechnischen Teil erledigen, denn während des Klinikaufenthaltes war der Beschluss des Amtsgerichtes auf die Vornamens- und Personenstandsänderung rechtskräftig geworden. Ich konnte mir endlich neue Ausweispapiere beschaffen.

Zunächst beantragte ich eine neue Geburtsurkunde, was sich problemlos online erledigen ließ. Als ich diese in den Händen hatte stiegen mir die Tränen in die Augen. Jetzt hatte ich es schriftlich, dass ich als Mädchen auf die Welt gekommen bin. Was für ein schönes Gefühl!
Einige Tage später ging es ab zur Meldestelle, um meine neuen Papiere zu beantragen. Meine alten Papiere, wie Ausweis, Pass und Führerschein wurden entwertet und vor meinen Augen vernichtet. Ich ließ mir einen vorläufigen Ausweis und Führerschein ausstellen. Die notwendigen, biometrisch-hässlichen Fotos hatte ich mir zwischenzeitlich machen lassen und vorher abgeholt. Bis auf den Führerschein habe ich inzwischen alles erhalten.

Vor einigen Wochen wurde mir plötzlich klar, weshalb ich immer das Gefühl hatte etwas suchen zu müssen, was ich vermisste, während ich um die halbe Welt reiste und es nicht fand.
Dabei hätte ich nicht einmal einen Nanometer weit gehen müssen um es zu finden, denn es war Ich selbst. Diese einfache und fundamentale Erkenntnis war die letzte, die mich umgehauen hat.
Meine Reise ist also zuende. Ich bin angekommen....bei mir selbst.....endlich...... und endlos glücklich.
Gesundheitlich bin ich noch nicht genesen, aber auch das wird immer besser...
Sobald die narben richtig verheilt sind werde ich erneut in die Klinik gehen, damit die übliche Korrektur Operation vorgenommen werden kann. Danach erzähle ich mehr.

Bis dahin alles Liebe, Petra